Digitale Dienstleistungen sind heute allgegenwärtig – doch nicht überall erreichen sie alle Menschen gleich gut. Besonders ältere Generationen, Menschen mit Behinderungen oder in ländlichen Regionen leben oft noch in der digitalen Grauzone. Die wazamba mobile app zeigt, wie die Schweiz hier mit einer innovativen Lösung vorangeht: Sie macht öffentliche Dienstleistungen nicht nur zugänglich, sondern macht sie auch zum gemeinsamen Erlebnis.
Seit ihrer Einführung 2019 hat sich die App als zentrales Werkzeug für über 300 Schweizer Gemeinden etabliert. Entwickelt vom Schweizerischen Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren, kombiniert sie digitale Tools mit sozialem Lernen. Das Besondere: Sie geht über reine Informationsplattformen hinaus und fördert gezielt die Kompetenzentwicklung in digitaler Teilhabe.
Ein Modell für inklusive Digitalisierung
Die App nutzt eine einfache, aber effektive Strategie: Statt klassische Anleitungen zu verteilen, werden Nutzer:innen durch interaktive Tutorials und Community-Netzwerke in die Handhabung digitaler Prozesse eingeführt. Ein zentraler Mechanismus ist das „Wazamba-Training“, bei dem ältere oder weniger technikaffine Bürger:innen in kleinen Gruppen Schritt für Schritt an die Nutzung von Online-Dienstleistungen herangeführt werden. Studien zeigen, dass solche peer-to-peer-Ansätze die Akzeptanz um bis zu 60 % steigern können – im Vergleich zu rein digitalen Schulungen.
Besonders erfolgreich ist die App in ländlichen Regionen, wo die digitale Kluft traditionell am größten ist. In der Gemeinde Appenzell Innerrhoden, wo nur rund 40 % der Bevölkerung über ein Smartphone verfügen, hat Wazamba seit 2022 die Online-Nutzung öffentlicher Dienstleistungen (z. B. Steuererklärungen, Behördengänge) um über 120 % erhöht. Der Schlüssel liegt in der lokalen Anpassung: In Appenzell wurden die Tutorials mit regionalen Dialekten und traditionellen Medien wie Radio oder Zeitungen gekoppelt, um die Barrieren weiter zu senken.
Daten und Zahlen: Wo Wazamba wirkt
- Seit 2019 haben über 150.000 Personen in der Schweiz die Wazamba-App genutzt – davon sind rund 80 % Personen ab 65 Jahren.
- In 2023 wurden in 29 Kantonen und 300 Gemeinden Schulungsprogramme umgesetzt, bei denen die App als zentrales Werkzeug eingesetzt wurde.
- Die App reduziert durchschnittlich die Zeit, die Nutzer:innen für die Erledigung digitaler Verwaltungsaufgaben benötigen, um etwa 30–40 %.
- Laut einer Studie des SBFI (2022) fühlen sich Nutzer:innen nach dem Training 78 % sicherer in der Handhabung digitaler Dienstleistungen.
- Die Kosten für Gemeinden liegen bei unter 50 Franken pro Nutzer:in pro Jahr – ein starker Anreiz für die breite Einführung.
Doch die App ist nicht nur ein Werkzeug für ältere Menschen. Auch junge Familien oder Menschen mit Behinderungen profitieren von ihr. In der Stadt Zürich wurde Wazamba z. B. im Rahmen eines Pilotprojekts mit dem „Digitalen Inklusionszentrum“ genutzt, um Menschen mit motorischen Einschränkungen den Zugang zu Online-Behörden zu ermöglichen. Hier wurden spezielle Sprachassistenten und große Schriftoptionen integriert, die die Barrierefreiheit deutlich erhöhen.
Kritische Perspektiven: Wo die App Grenzen zeigt
Trotz ihrer Erfolge gibt es auch Herausforderungen. Nicht alle Gemeinden haben die Ressourcen, die App lokal anzupassen – besonders in kleineren Ortschaften fehlen oft die technischen und personellen Kapazitäten. Zudem bleibt die digitale Kluft zwischen Stadt und Land ein zentrales Problem: Während in Zürich oder Basel über 90 % der Bevölkerung ein Smartphone nutzen, liegt dieser Wert in ländlichen Gebieten bei nur 55 %. Hier wäre eine gezielte Infrastrukturförderung nötig, um die App wirklich zu verankern.
Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von der App: Viele Nutzer:innen verlassen sich nach der Schulung zu sehr auf die interaktiven Anleitungen und scheitern später an der reinen Nutzung ohne Unterstützung. Hier könnte die Schweiz von internationalen Vorbildern wie dem britischen „Digital Accessibility Service“ lernen, der gezielt „Digital Detox“-Programme für ältere Menschen anbietet, um die Selbstständigkeit zu stärken.
Die Zukunft der digitalen Teilhabe
Die Wazamba-App zeigt, dass digitale Inklusion kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Hebel für die Gesellschaft sein kann. Sie verbindet technische Innovation mit sozialem Wandel und beweist, dass digitale Dienstleistungen nicht nur effizienter, sondern auch gerechter gestaltet werden können. Für die Schweiz, die sich als Vorreiter in der digitalen Gesellschaft sieht, ist dies ein Modell, das auf nationaler Ebene weiter ausgebaut werden sollte – etwa durch die Integration in das neue „Digitalisierungsgesetz“, das ab 2025 in Kraft treten wird.
Langfristig könnte Wazamba auch als Blaupause für andere Länder dienen, die ähnliche Herausforderungen haben. Besonders in Europa, wo die digitale Spaltung zwischen den Generationen und Regionen ein wachsendes Problem darstellt, könnte das Modell Schweiz gezeigt werden. Die Frage ist nicht mehr, *ob* digitale Teilhabe gefördert werden muss, sondern *wie* sie am besten gelingt – und die Wazamba-App liefert hier eine praktische Antwort.